„Überall ist der Pulsschlag des Aufbruchs zu spüren.“

Volle Kraft voraus: Hamburg wird neben München zum zweiten deutschen Stammmarkt der Bayerischen Hausbau ausgebaut. Geschäftsführer Peter Müller und Niederlassungsleiter Matthias Reuner im Gespräch über den Mut zu Investitionen, den Geist des Familienunternehmens und die Parallelität von Weißwurst und Fischbrötchen.

Die Hamburger behaupten gerne, Hamburg sei „die schönste Stadt der Welt“. Herr Müller, was sagen Sie als Münchner dazu?

Müller: Als ich das erst Mal den Hafen sah, mit 16 Jahren auf Klassenfahrt, war ich total fasziniert: Die Elbe, die Schiffe in den Docks, das war eine ganz andere Welt. Aber Hamburg ist ja nicht nur Hafen – jedes Mal, wenn ich hier bin, entdecke ich neue Facetten.

Reuner: Wenn wir uns ein Grundstück ansehen und mit dem Auto durch die Gegend fahren, sagt er oft: „Schau mal, was für ein schönes Gebäude! Sowas haben wir in München nicht!“

Müller: Wir haben wunderschöne Altbauviertel – aber nicht in dieser Größe und Vielschichtigkeit. Hamburg hat schon eine enorm hohe Lebensqualität. Sagen wir es so: Den ersten Platz als schönste Stadt teilen sich Hamburg und München.

Herr Reuner, die Hamburger gelten als reserviert und kühl. Wie kriegt ein bayerisches Unternehmen da einen Fuß an Land?

Reuner: Ich weiß gar nicht, woher das kommt, vielleicht von den Lufttemperaturen, weil’s hier oben immer ein bisschen frischer ist. Aber das ist ein altes Bild, das da in den Köpfen steckt. Die Hamburger sind sehr lebenslustig und offen. Und niemand würde hier leichter einen Fuß an Land bekommen als ein Münchner.

Das müssen Sie erklären.

Reuner: Die beiden Städte haben viele Parallelen – gerade in ihrer Unterschiedlichkeit vom Rest des Landes: Die Münchner haben die Berge vor der Tür, wir das Meer, sie haben die Weißwurst, wir das Fischbrötchen, sie sagen „Servus“, wir sagen „Moin“ – ich glaube, kein anderes Bundesland hat so prägnante Begrüßungsworte. Und vielleicht sind die Hamburger nicht ganz so konservativ wie die Urbayern – aber ein kleines bisschen konservativ sind wir auch.

Müller: Als ich mir mal die Frage gestellt habe, wo ich leben wollte, wenn nicht in München – da war das Hamburg. Und wenn ich anderen Münchnern diese Frage stelle, sagen viele dasselbe.

Geschäftsführer Peter Müller (links) zu Gast bei Niederlassungsleiter Matthias Reuner im Hamburger Büro der Bayerischen Hausbau.

Haben Sie deshalb entschieden, Hamburg als zweiten Standort zu etablieren?

Müller (lacht): Genau! Nein, im Ernst: In München sind wir einer der Platzhirschen, da entwickeln wir im Moment über 360.000 Quadratmeter und gehören zu den größten. Aber wir wollen weiterwachsen, auch außerhalb Münchens. Vor einiger Zeit waren wir in ganz Deutschland tätig: Frankfurt, Dresden, Leipzig, Berlin. Aber nun haben wir entschieden, uns auf nur einen weiteren Standort zu konzentrieren. Das Immobiliengeschäft ist speziell, man braucht einen Marktzugang, muss das Vertrauen von Politik und Verwaltung gewinnen – das geht nicht von heute auf morgen. Wir haben dann die sieben größten deutschen Städte analysiert, auf Wirtschaftskraft, Bildungsniveau, Lebensqualität und so weiter. Hamburg war in den Einzelkriterien zwar nicht überall auf dem Spitzenplatz – ist aber über alle Kriterien hinweg sehr ausgewogen. Und zu den Zahlen kam dieses Bauchgefühl …

Sie treffen strategische Entscheidungen aus dem Bauch?

Müller: Vieles kann man mit Zahlen belegen, aber nicht alles. Am Ende geht’s auch ums Gespür. Und bei Hamburg hatten wir alle – Geschäftsführung, Vorstand und die Familie Schörghuber – das Gefühl: Das ist die richtige Stadt für uns! Wir spüren hier eine große Aufbruchsstimmung. Anders als München, das bis an die Stadtgrenzen dicht bebaut ist, hat Hamburg noch viel Fläche. Da sehen wir auf lange Sicht großes Entwicklungspotenzial.

Reuner: Man darf auch nicht vergessen, dass wir hier schon seit mehr als 20 Jahren am Markt sind. Wir haben über 100.000 Quadratmeter Geschossfläche entwickelt und realisiert. Es ist also nicht so, dass jetzt die Bayern kommen und alles erst kennenlernen müssen. Mein Team und ich sind aus Hamburg, ich arbeite seit über 15 Jahren in der Hamburger Immobilienentwicklung.

Wie sind Sie als Hamburger zur Bayerischen Hausbau gekommen?

Reuner: Vor zehn Jahren habe ich an der Entwicklung eines Wohnquartiers in Lokstedt gearbeitet – in einem Joint Venture mit der Bayerischen Hausbau. Ich war damals schon bei einem sehr ordentlichen Unternehmen, aber damals merkte ich: Oha, die denken ja nochmal ganz anders. Die sind echt gut! Es gibt keine bessere Voraussetzung für einen Jobwechsel, als wenn man ein Unternehmen schon aus der täglichen Zusammenarbeit kennt. Wenn man weiß, wer die sind, wie die arbeiten und welcher Geist dahintersteckt.

„Am Ende geht’s auch ums Gespür. Und bei Hamburg hatten wir alle das Gefühl: Das
ist die richtige Stadt für uns!" Peter Müller (links)

Das Paloma-Viertel auf der Reeperbahn, Ihr derzeit größtes Projekt in Hamburg, wurde zum Politikum. Das Grundstück, das Sie 2009 erworben haben, wurde bis heute nicht bebaut. War Ihnen klar, was sie da gekauft haben?

Müller: Wir wussten natürlich, dass es nicht ganz einfach werden könnte. Die Hamburger Entwickler haben sich da ja nicht ran getraut. Aber dass es am Ende solche Dimensionen annimmt, hatte niemand auf dem Radar.

Reuner: Ich habe das damals sehr aufmerksam beobachtet. Das Grundstück liegt an einem Brennpunkt, in einer Lage, die politisch einzigartig und unberechenbar ist. Ich weiß noch, wie ich dachte: „Toi toi toi, hoffentlich geht das gut.“ Am Anfang gab es in der Tat immense Gegenwehr. Die Kneipen, die Esso-Tankstelle, die beiden Wohnblocks – das war ein Stück St. Pauli, das die Bewohner nicht aufgeben wollten. Die Positionen waren irgendwann total verhärtet. Als wir die maroden Wohnblocks abreißen lassen wollten, waren innerhalb von einer halben Stunde 600 Menschen auf der Straße.

Eine Woche vor Weihnachten 2013 wurden die Häuser dann evakuiert.

Reuner: In einer Nacht haben mehrere Bewohner unabhängig voneinander bei der Polizei angerufen und gesagt, dass die Gebäude wackeln. Die Polizei hat sofort die Räumung veranlasst.

Müller: Spätestens da wussten alle, was ein ausführliches Gutachten des Bezirks längst festgestellt hatte, nämlich dass die Blocks baufällig waren. Das war der letzte Beweis, dass sie nicht stehenbleiben konnten.

Bei der Planung des Neubaus gab es dann eine beispiellose Bürgerbeteiligung.

Reuner: Der Bezirk hat eine Kommission gegründet, die PlanBude, und die Bürger zum Mitmachen aufgerufen. Es gab über 2.300 Beiträge – aus diesen Vorschlägen wurde der St. Pauli Code entwickelt. Das Paloma-Viertel sollte ein echtes Stück St. Pauli werden. Aber für uns musste das Ganze auch wirtschaftlich sein. Manche Konflikte mit der Politik und dem Bezirk schienen kaum lösbar, am Ende hatten wir über fünfzig Verhandlungsrunden.

Müller: Wir haben 2009 den Kaufpreis auf den Tisch gelegt – seitdem tickte die Uhr. Zehn Jahre lang so ein Grundstück zu halten, kostet viel Geld. Der Planungsprozess war unheimlich aufwändig, da war eine Riesenmannschaft beschäftigt, über einen so langen Zeitraum – ohne dass wir einen Cent verdient haben. Andere Entwickler wären an dem Projekt zugrunde gegangen.

Sie nicht. Warum?

Müller: Weil wir ein sehr finanzstarkes Unternehmen sind. Wir haben einen eigenen Immobilienbestand von 3,1 Milliarden Euro. Das ist letztlich unsere Bank.

Reuner: Es ist auch eine Frage des Durchhaltevermögens. Man hätte nach fünf Jahren auch sagen können: Ok, es reicht, wir verkaufen das Grundstück mit dem abgebrochenen Gebäude drauf …

Müller: … aber das war für uns nie eine Option. Wir sind keiner dieser Entwickler, die von Stadt zu Stadt ziehen und verbrannte Erde hinterlassen. Wir haben hier eine Verantwortung, auch der Stadt gegenüber. Wir haben das Know-how und die Erfahrung, unser Anspruch ist ganz klar, so etwas durchzustehen und durchzuziehen! Wir wollten, dass etwas Gutes für Hamburg dabei herauskommt – und was hier nun entsteht, ist einzigartig in Deutschland: ein Quartier mit enormer Dichte, großer Vielschichtigkeit, mit Kulturangeboten und Gastronomie und einer sozialen Teilhabe über die Dächer hinweg. Und der Anteil geförderter Wohnungen liegt bei 60 Prozent.

„Man darf nicht vergessen, dass wir in Hamburg seit rund 30 Jahren am Markt sind und über 100.000 m² Geschossfläche entwickelt und realisiert haben." Matthias Reuner (rechts)

Auch im wichtigsten Hamburger Bauprojekt der letzten Jahre ist Ihre Unternehmensgruppe vertreten: Die Arabella Hospitality betreibt das Hotel „The Westin Hamburg“ in der Elbphilharmonie.

Müller: Das weiß hier nur kaum jemand. Natürlich sind wir ein bisschen stolz darauf, dass die Schörghuber Unternehmensgruppe hinter dem Hotel in einem der großen Wahrzeichen Hamburgs steckt. Zuletzt wurde dort viel investiert und die Plaza-Ebene komplett umgestaltet, mit einer neuen Bar und einem ganz neuen Gastronomie-Konzept – nicht nur für die Übernachtungsgäste, sondern vor allem für die Hamburger.

Jetzt sorgen also die Bayern dafür, dass die Hamburger öfter in ihre Elphi gehen!

Reuner (lacht): So kann man das sagen. Wir prahlen nicht damit, aber es zeigt ein bisschen, welches Format wir haben. Es gibt halt nicht nur das Paloma-Viertel. Wir sind in verschiedenen Sparten unterwegs und bauen und betreiben neben Wohnquartieren und Gewerbeimmobilien eben auch Hotels…

Müller: …und brauen Bier. Die Paulaner Brauerei gehört zur Schörghuber Gruppe, unser Hacker-Pschorr-Bier wird auch auf der Reeperbahn ausgeschenkt, zum Beispiel in der Ritze, der legendären Boxer-Kneipe.

In einen neuen Standort investieren – ist das in dieser unsicheren Wirtschaftslage nicht riskant?

Reuner: Das ist das Besondere an unserem Unternehmen: Während sich viele Sorgen machen, wie es weitergeht, ist bei der Bayerischen Hausbau überall der Pulsschlag des Aufbruchs zu spüren. In München zum Beispiel bauen wir gerade eine neue Firmenzentrale. Wo andere in einer Beobachtungsstellung verharren, machen wir einen Sprung nach vorn.

Müller: Auch abgesehen von der Pandemie befinden wir uns im Wandel. Nachhaltigkeit und Digitalisierung werden zu den bestimmenden Themen der Zukunft. Wir arbeiten an der Lösung von Verkehrsproblemen, integrieren Arbeitsplätze und Nahversorgung in Quartieren, um Verkehrswege zu vermeiden. Wir beschäftigen uns intensiv mit nachhaltigem Bauen und neuen Energiekonzepten: In München planen wir gerade zwei Häuser mit mehreren Wohnungen, die zu Versuchslaboren werden, in denen wir mit Holz bauen und Smart Living in allen Ausprägungen integrieren. Unsere neue Innovationseinheit darf sich völlig frei von den Zwängen der Realität bewegen – sonst wäre es ja keine Innovation. Wo sind die Trends? Was können wir übernehmen? Diese Aufbruchsstimmung zieht sich bei uns durch alle Unternehmensbereiche – aber in Hamburg ist sie vielleicht am meisten spürbar.

Reuner: In den letzten zehn Jahren stand vieles im Schatten des Paloma- Viertels – aber nun wollen wir hier richtig Fahrt aufnehmen. München wird immer unser Stammsitz bleiben, aber wir sind hier angetreten, den Standort Hamburg so weit auszubauen, dass wir immer autarker agieren können. Wir sind dabei, hier auch personell ordentlich aufzustocken. Die bewusste Entscheidung für Hamburg, dieses klare Bekenntnis für die Stadt, hat uns nochmal einen Extraschub gegeben. Ab jetzt heißt es: Volle Kraft voraus!

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