Neue Wege: das Mobilitätskonzept am Lerchenauer Feld

Stillstand oder Fortkommen? Auch die Immobilienwirtschaft setzt sich intensiv mit der Frage nach einer zeitgemäßen Mobilität auseinander, gerade in München. Bei der Quartiersentwicklung am Lerchenauer Feld geht die Bayerische Hausbau beim Verkehr nun konsequent neue Wege.

In 87 Stunden lässt sich so einiges unternehmen: dreieinhalb Tage Kurzurlaub, zum Beispiel, oder alle acht Staffeln der Fantasy-Serie „Game of Thrones“ durchgucken. Wer aber in München aufs Auto angewiesen ist, sollte diese Zeitspanne alljährlich für Stillstand einplanen. Mit durchschnittlich 87 Staustunden pro Autofahrer im Vor-Corona-Jahr 2019 holte München in der INRIX-Verkehrsstudie zum wiederholten Mal den unrühmlichen Titel der deutschen Stauhauptstadt. Dass die bayerische Metropole und viele andere deutsche Großstädte dem Verkehrsinfarkt nahe sind, zeichnet sich schon lange ab – neben Staus auch an Feinstaubbelastung und steigenden Kraftfahrzeugzahlen. Bewegung! Stillstand oder Fortkommen? Auch die Immobilienwirtschaft setzt sich intensiv mit der Frage nach einer zeitgemäßen Mobilität auseinander, gerade in München. Bei der Quartiersentwicklung am Lerchenauer Feld geht die Bayerische Hausbau beim Verkehr nun konsequent neue Wege. Noch relativ jung ist dagegen der Ansatz, nicht nur Autos und Straßen zu betrachten, um den Verkehr in den Griff zu bekommen – sondern auch das Bauen und Wohnen. „80 Prozent der Wege starten oder enden zuhause“, bringt Dr. Ingo Kucz den Grund dafür auf Punkt. Kucz ist Geschäftsführer der auf Strategie- und Designberatung im Mobilitätssektor spezialisierten White Octopus GmbH.

Dichter Verkehr: München ist die deutsche Stauhauptstadt

Mobilität muss von Anfang an mitgedacht werden

Auch die Bayerische Hausbau setzt sich mit dem Thema längst nicht mehr nur theoretisch auseinander. „Mobilität ist bei uns organisatorisch in der Innovationsabteilung angesiedelt, weil wir sie für eines der wichtigsten Zukunftsthemen halten“, sagt Peter Müller, und Co-Geschäftsführer Christian Balletshofer ergänzt: „Wer wie wir Lebenswelten für tausende Menschen schafft, muss Mobilität von Anfang an mitdenken, alles andere wäre nicht nachhaltig.“ In der Praxis gestaltet das Unternehmen die Zukunft der Mobilität in seinen Neubauprojekten mit, ganz besonders bei der Quartiersentwicklung am Lerchenauer Feld in München-Feldmoching. In enger Abstimmung mit der Stadt München und dem neu gegründeten Mobilitätsreferat ist ein Mobilitätskonzept entstanden, das in der Landeshauptstadt seinesgleichen sucht.

Der motorisierte Individualverkehr im Quartier soll radikal reduziert werden

„Für uns bedeutete das Konzept erst einmal eine enorme Herausforderung“, sagt Christine Kirchner, Projektentwicklerin am Lerchenauer Feld. Sie und ihr Kollege, Projektentwickler Maximilian Schnizer, sahen sich mit der Forderung des Münchner Stadtrats konfrontiert, den motorisierten Individualverkehr radikal zu reduzieren. Sein Anteil soll bei 20 Prozent liegen, sprich: Die Bewohner des Viertels würden nur noch einen von fünf Wegen mit dem Auto zurücklegen. „Momentan nutzen Menschen in vergleichbarer Wohnlage für jede zweite Strecke das Auto“, ordnet Schnizer diese Vorgabe ein, die bislang nur in der studentisch geprägten Maxvorstadt und der sehr zentrumsnahen Isarvorstadt/Ludwigsvorstadt erreicht wird. Wie aber bringt man die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner eines Wohnviertels am Stadtrand dazu, ihr Mobilitätsverhalten fundamental zu verändern? „Das Mobilitätskonzept sieht ein ganzes Bündel an Maßnahmen vor, die sich unter drei Überschriften zusammenfassen lassen“, sagt Christine Kirchner: „Förderung des Fuß- und Radverkehrs; Verringerung der Attraktivität des eigenen Autos; Ausbau des ÖPNV-Angebotes.“

Die Projektentwickler am Lerchenauer Feld: Maximilian Schnizer und Christine Kirchner

Das Lerchenauer Feld ist ein Quartier der kurzen Wege

Die Förderung des Fuß- und Radverkehrs hängt eng mit einer stadtplanerischen Grundsatzentscheidung zusammen: Das Lerchenauer Feld ist als „Quartier der kurzen Wege“ konzipiert, von denen auch die umliegenden Wohnviertel profitieren. Von Einzelhandel und Gastronomie über Kitas, Grundschule und Gymnasium bis hin zu Sport- und Freizeitanlagen sowie sozialen und Pflegeeinrichtungen sollen möglichst viele so genannte „Funktionsorte“ direkt im Quartier angesiedelt sein – und über ein sicheres und komfortables Fuß- und Radwegenetz erreichbar. Zusätzlich sind Co-Working-Spaces angedacht, die dazu beitragen, Autofahrten ins Büro zu reduzieren. Das Fahrrad wiederum, das Experten wie Ingo Kucz für „das A und O der Verkehrswende“ halten, erhält im Lerchenauer Feld den Stellenwert, den in deutschen Großstädten traditionell eher Autos genießen. So soll die Zahl der Fahrradabstellplätze gegenüber der regulären Münchner Stellplatzsatzung deutlich steigen: Anstatt wie dort vorgesehen einen Stellplatz pro 40 Quadratmeter Wohnfläche wird es im neuen Quartier einen Radlparkplatz schon pro 27,5 Quadratmeter Wohnfläche geben. Und zusätzlich zur Quantität wird die Qualität optimiert: „Möglichst viele Abstellplätze werden in leicht erreichbaren Erdgeschossflächen untergebracht“, sagt Maximilian Schnizer. Zusätzlich sollen die Bewohner im Quartier Fahrradreparaturstationen nutzen sowie bis zu 100 Lastenfahrräder und andere Zweiräder ausleihen können.

Das Fahrrad gewinnt an Bedeutung

Im Quartier am Lerchenauer Feld sollen für die zukünftigen Bewohner 97 Lastenräder, drei Fahrradreparaturstationen, drei Fahrradstationen mit Leihrädern, 70 Fahrzeuge von Car-Sharing Anbietern und bis zu drei Paketboxen angeboten werden.

Die Stellplätze für Autos werden weniger

Statt eines Kfz-Stellplatzes pro 0,9 Wohnungen wird der Schlüssel am Lerchenauer Feld auf 0,56 reduziert. Umgekehrt verhält es sich mit dem Fahrradstellplatzschlüssel: Ein Stellplatz ist für 27,5 Quadratmeter Wohnfläche vorgesehen – statt der üblichen 40 Quadratmeter.

Ein Leben ohne Auto wird im Quartier ohne Einschränkungen möglich sein

Was das Fahrrad im Lerchenauer Feld an Platz gewinnt, soll das Auto verlieren. Dazu wird gehörig am Stellplatzschlüssel gedreht: Anstatt rechnerisch 0,9 Parkplätzen pro Wohnung werden im neuen Quartier nur 0,56 pro Wohneinheit geschaffen. Auch die Parkmöglichkeiten für Besucher fallen spärlicher aus als anderswo, damit die Pkw-Anreise weniger attraktiv wird. Um auch die Bewohner des Viertels zum Nachdenken anzuregen, ob sich das Auto für kürzere Alltagswege lohnt, wird die Strecke dorthin bewusst verlängert: Die Kfz-Stellplätze mehrerer Baufelder werden in drei Quartiersgaragen gebündelt, die nicht bequem unter der eigenen Wohnung liegen. Parallel dazu soll ein breites Car- und Radsharing-Angebot dafür sorgen, dass ein Leben ohne Auto im Lerchenauer Feld ohne Einschränkungen möglich ist. Die Leihflotte umfasst unterschiedlichste Fahrzeugtypen, vom Klein- bis zum Lieferwagen sowie Fahrräder. Apropos liefern: Um den Verkehr von Dienstleistern zu reduzieren, die Pakete vor jede Haustüre fahren, erhält das neue Viertel mehrere Quartiersboxen, in denen die Sendungen gebündelt abgelegt werden können. „Um das Quartier mit dem Rest der Stadt zu verbinden, muss es bestmöglich an den ÖPNV angebunden sein“, spricht Christine Kirchner einen wichtigen Aspekt an, auf den sie selbst wenig Einfluss hat. Aktuell geplant ist eine neue Buslinie, die das Viertel durchquert und mit der nächsten U-Bahnstation und dem Olympia-Einkaufszentrum verbindet. Eine bestehende Buslinie soll zum Lerchenauer Feld hin umgelenkt werden. Perspektivisch ist außerdem geplant, das Quartier mit einer neuen Trambahnlinie auch auf der Schiene zu erschließen, wofür eine Trasse geplant und vorgehalten wird. Sowohl Kirchner als auch ihr Kollege Maximilian Schnizer sowie alle anderen Projektbeteiligten der Bayerischen Hausbau, der Landeshauptstadt München und anderer Unternehmen blicken mit großer Spannung darauf, wie das Mobilitätskonzept ab etwa 2026 angenommen wird, wenn die ersten Menschen einziehen. Im Idealfall erspart es ihnen 87 Stunden Stauzeit im Jahr, wird zur Blaupause für künftige Wohnviertel – und zum Auftakt für weitere Schritte Richtung Mobilitätswende. 

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