Dicke Bretter: das Paloma-Viertel in Hamburg

Kräftezehrend, aber es hat sich gelohnt: Die Entwicklung des Paloma-Viertels auf St.Pauli wurde von einem der aufwendigsten und langwierigsten Bürgerbeteiligungsverfahren begleitet, die die Bundesrepublik je gesehen hat.

Wie viele Jahre an Durchhaltevermögen das Unternehmen bei diesem Projektvorhaben würde zeigen müssen, das war der Bayerischen Hausbau wohl selbst nicht klar, als sie 2009 die Esso-Häuser, benannt nach der Tankstelle im Erdgeschoss, am Spielbudenplatz auf St. Pauli in Hamburg erworben hatte. Das Nachkriegsensemble war Ende 2013 aufgrund des allgemein schlechten Zustands der Gebäude nicht mehr bewohnbar und allen Beteiligten – der Stadtpolitik, den Anwohnern, der Bayerischen Hausbau – war zu diesem Zeitpunkt klar, „dass an dieser prominenten und bekannten Stelle etwas Neues entstehen würde“, sagt Matthias Reuner, der die sechsköpfige Niederlassung der Bayerischen Hausbau in Hamburg leitet.

Matthias Reuner, Leiter der Niederlassung in Hamburg

Paloma-Viertel: Ein Konzept für das Areal entsteht

Was das sein sollte, das machte die Hamburger Politik deutlich, könne nur in Zusammenarbeit mit den Bürgern entwickelt werden. Die sogenannte PlanBude, die mit einer bunten Mischung aus Stadtteilvertretern besetzt war, wurde vom Bezirk mit einem Mandat ausgestattet, um zusammen mit der Bayerischen Hausbau ein Konzept für das Areal zu entwickeln. 2.300 Bürger hatten sich ab 2014 über die zukünftige Bebauung des Quartiers ausgetauscht, die Diskussion war Grundlage für das städtebauliche Gutachterverfahren. Auf den Städte- und Hochbau konnte man sich bald einigen, schwieriger waren die vorgeschlagenen Nutzungen, beispielsweise die Frage nach einer Öffnung der Dächer für die Nachbarschaft  – etwa zum Basketballspielen oder zum Skaten: „Eine schöne Idee, aber wer betreibt die Dächer, wer bezahlt den Strom und wer trägt den Müll weg?“, sagt Matthias Reuner.

Der Marathon hat sich gelohnt

Der Weg von der großen Vision bis zum KleinKlein hat nicht nur viel Zeit in Anspruch genommen, sondern auch Nerven gekostet, bisweilen lagen die Erwartungen der PlanBude und der Bayerischen Hausbau extrem weit auseinander. Vier Jahre und mehr als 50 Verhandlungsrunden hat es gedauert, bis schließlich ein städtebaulicher Vertrag zur Entwicklung des neuen Paloma-Viertels vorlag. Gelohnt, sagen die Beteiligten und auch Matthias Reuner, habe sich dieser Marathon, trotz aller Anstrengungen. Der Städtebau und die Architektur haben durch die Bürgerbeteiligung gewonnen und der Entwurf gilt in seiner qualitätsvollen Dichte  – auf nur 6.190  m² entsteht eine oberirdische Bruttogrundfläche von etwa 29.500 m² – als Vorbild für Projektentwicklungen in ganz Deutschland. 2023 soll mit dem Bau begonnen werden. Aufgrund seiner vielfältigen Nutzungen, aber eben auch wegen seiner einzigartigen Entwicklungsgeschichte, da ist sich Matthias Reuner sicher, wird das Paloma-Viertel noch lange Strahlkraft weit über Hamburg hinaus besitzen.

Über das Projekt

Es wird das neue Herz St. Paulis werden: Am Spielbudenplatz, dem Zentrum des Viertels westlich der Hamburger Innenstadt, entsteht in den kommenden Jahren das Paloma-Viertel. Nach einer langen Phase der intensiven Beteiligung der Bürger und Nachbarn sieht das Nutzungskonzept für das Quartier eine Mischung aus Wohnungen, Bars und Clubs, kleinteiligem Gewerbe, einem Hotel, Nahversorgung und Räumen für alternatives Denken und Arbeiten vor. Das alles auf rund 6.190 m² Grundfläche: Der städtebauliche Entwurf von NL Architects und BeL Sozietät für Architektur ist geprägt von hoher Dichte und architektonischer Individualität. Details wie ein Stadtteilbalkon, Quartiersgasse und öffentlich begehbare Dachterrassen – auf denen geskatet und geklettert werden kann – werden für eine St.-Pauli-gerechte Urbanität sorgen. 
 

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