Architektur und Digitalisierung

Ist die Architektur ein zentraler Aspekt der Smart-City-Debatte? Wie präsent ist wiederum die digitale Transformation in der Arbeit der Architekten? Wir sprachen mit Bianca Nitsch, Mitgründerin des Planungsbüros SBA in Stuttgart und Schanghai, über die wechselseitige Beziehung von Technik und Gestaltung.

Ihr Büro beschäftigt sich mit Architektur und Stadtplanung: Welche Rolle spielen Smart-City-Konzepte in Ihrer Arbeit?

Wenn man über das Thema „Smart City“ spricht, ist ganz grundsätzlich zu berücksichtigen, dass es keine allgemein anerkannte Definition einer Smart City gibt. Derzeit beantwortet jeder Akteur für sich, was er unter dem Begriff versteht und welche Aspekte in der Zukunft wichtig werden. Eine Smart City ist für uns eine Stadt, die eine Handlungsstrategie entwickelt hat, um Errungenschaften der fortschreitenden Digitalisierung bestmöglich für eine höhere Lebensqualität einzusetzen. Architekturbüros fällt es in der Regel schwer, ein Budget für Forschungsprojekte zu erwirtschaften. Innovative Ansätze werden direkt am konkreten Projekt oder im Zuge von Wettbewerben entwickelt. Mein Eindruck ist, dass die Thematik bei den heutigen Realisierungsprojekten in den meisten Architektur- und Stadtplanungsbüros noch eine untergeordnete Rolle spielt. Wir haben unter anderem „Smart Stations“ und einen „Low Carbon District“ entworfen. Im Moment arbeiten wir an einer städtebaulichen Studie für einen Forschungscampus in Deutschland. Das Ziel ist ein Entwicklungskonzept, das es den Wissenschaftlern ermöglicht, die Bereiche Digitalisierung im Bauwesen, modulares Bauen sowie energieeffiziente und -autarke Stadtquartiere zu erforschen und die Forschungsergebnisse auch direkt auf dem Campus anzuwenden.

Warum geht es im Kontext von Smart City so viel um Technologien und so wenig um Gestaltung?

Das liegt vor allem daran, dass die Debatten meist von der Industrie angestoßen werden. Dabei geht es natürlich um die Platzierung von Produkten und Technologien. Städte sind bei neuen Themen eher zögerlich, zum einen aus finanziellen, zum anderen aber auch aus personellen Gründen. Und die Planer können eben meist nur das leisten, wofür sie beauftragt sind. Eine Designsprache, die aus einer strukturellen Veränderung unserer Lebensweise heraus entsteht, ist sehr viel umfassender und in der Entstehung weniger greifbar als ein schon relativ konkretes einzelnes Produkt.

Wie verändern sich Architektur und Stadtplanung durch die Digitalisierung?

Die Planungs- und Realisierungsprozesse verändern sich. Wer wann, wie und wo dabei ist, muss neu definiert werden. Die bessere Vernetzung verschiedener Fachbereiche ermöglicht neue Methoden, wodurch die Realisierung noch vorausschaubarer und kontrollierbarer werden kann. Ich denke dabei an Software zur Kollisionsprüfung, Simulationen wie beispielsweise des zu erwartenden Raumklimas oder Datenräume, in denen alle relevanten Projektdaten den Beteiligten stets in Echtzeit zur Verfügung stehen. Was gleich bleiben wird: Wir planen für den Nutzer. Unsere Architektur und Stadtplanung wird sich mit dem Nutzerverhalten und -bedarf weiterentwickeln.

Gibt es hier auch wirkliche strukturelle Veränderungen im Leben, Wohnen und Arbeiten der Menschen?

Bei allen Entwicklungen, die sicherlich strukturelle Veränderungen ergeben werden, muss weiterhin immer die Lebensqualität im Mittelpunkt stehen. Ein Beispiel für ein positives Zukunftsszenario wäre für mich, wenn es uns durch die Digitalisierung gelingt, die tägliche Arbeitszeit zu reduzieren und sie viel flexibler zu gestalten, so dass jeder mehr Zeit z.B. für die Pflege von Angehörigen aufbringen kann. Das Wohnen mit einem Pflegeroboter kann in der Zukunft Angehörige zudem entlasten, aber niemals ersetzen.

Wie kann man stadtplanerisch die einzelnen Innovationen harmonisieren und koordinieren?

Die verschiedenen innovativen Ansätze sind wie Module. Viele funktionieren schon, wenn sie in einem Gebäude oder Stadtteil eingesetzt werden. Andere machen nur Sinn, wenn das gesamte Stadtgebiet und die Region mit einbezogen werden. Ebenso funktionieren manche als einzelnes Element und andere können auf keinen Fall allein stehen. In welchem städtischen Maßstab eine Innovation wirken kann, muss sehr genau beurteilt werden. Vielleicht brauchen wir zukünftig für Quartiere eine übergeordnete verantwortliche Stelle, die die verschiedenen Module koordiniert und für die Abstimmung mit anderen Stadtbereichen zuständig ist. Hilfreich im Arbeitsalltag wäre sicherlich auch ein detailliertes und intelligentes 3D-Stadtmodell. Nicht nur um Innovationen zu untersuchen, sondern auch um alle Planungen besser zu überprüfen und zu koordinieren. Ein solches 3D-Stadtmodell bietet auch Möglichkeiten um die Bürger verständlich zu informieren und mitzunehmen.

Was würden Sie im Kontext von Smart City oder Smart Building sehr gern realisieren, konnten es bisher jedoch nie?

Bisher haben wir uns mit der Gestaltung von smarten Mobilitätsstationen beschäftigt. Darüber hinaus würde ich gerne eine Stadtmöblierung entwerfen, die es den Schaffenden der Kreativwirtschaft oder Start-ups ermöglicht, im öffentlichen Raum, auf Plätzen oder in Parks, zu arbeiten, zu diskutieren und neue Ideen zu entwickeln. Beispielsweise Tischtennisplatten, die zu einem interaktiven Whiteboard umgeklappt werden können. Städte beziehen uns Stadtplaner noch zu wenig in die Entwicklung eines digitalen Leitbilds mit ein.

Verglichen mit anderen deutschen Städten: Inwiefern ist München eine Smart City? Wo besteht eventuell Nachholbedarf?

Was die städtebauliche Qualität betrifft, hat München schon immer Maßstäbe für andere Städte gesetzt. Auch beim Thema „Smart City“ ist München dabei, eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Viele Städte sind gegenwärtig auf der Suche nach der individuell richtigen Antwort auf die Digitalisierung. Auf dieser Suche hat München jedoch bisher die Weichen richtig gestellt. Die Beteiligung am EU-Projekt Smarter Together wird interessante Lösungen aufzeigen. Innovative Mobilitätskonzepte, die sich positiv auf das gesamte Stadtgebiet und insbesondere auf die Innenstadt auswirken, wären aus heutiger Sicht besonders wünschenswert.

Zur Person

Bianca Nitsch Architektin und Stadtplanerin, Geschäftsführende Gesellschafterin SBA Städtebau und Architektur

Bianca Nitsch gründete 2002 gemeinsam mit Dr. Hong Li das Planungsbüro SBA in Stuttgart und Schanghai. Seit der Übernahme des Architekturbüros Mann+Partner durch SBA im Jahr 2010 ist sie für den Standort München verantwortlich. Heute zählen zu ihrem interdisziplinären Team aus Architekten, Stadtplanern und Landschaftsarchitekten 80 Mitarbeiter. Die Planungskompetenz des Büros umfasst neben der innovativen Stadtplanung und der Stadtgestaltung insbesondere die Planung von Büro- und Wohngebäuden. Zudem werden derzeit bei SBA Schulgebäude und Kindertagesstätten sowie Sozial und Pflegebauten geplant und realisiert.

Über den Autor

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