Ein Privatmann aus München bewahrt das Haus der Gegenwart vor dem Aus. Der Baukörper – längst ein Stück Architekturgeschichte – wird Riem verlassen und an einem neuen Standort wiedererstehen.
München, 22. Dezember 2011 Das Haus der Gegenwart, ein gemeinsames Projekt des Magazins der Süddeutschen Zeitung, der Fördergesellschaft Landespflege Bayern und der Bayerischen Hausbau, bekommt ein neues Zuhause. Nachdem die Schließung und der Abbruch des Hauses im Sommer 2011 bereits beschlossene Sache gewesen zu sein schienen, hat sich nun Martin Hippius dazu entschieden, den auf einem Grundstück der Landeshauptstadt München gelegenen Baukörper zu erwerben und an einem neuen, derzeit noch in Prüfung befindlichen Standort im Münchner Umland wieder aufzubauen.
Martin Hippius, Inhaber einer Locationvermittlung und Produktionsfirma für Film- und Fotoproduktionen, hatte das Haus der Gegenwart in den vergangenen Jahren mehrfach als außergewöhnliche Location gebucht und war darüber zum Fan geworden: „Beim Haus der Gegenwart handelt es sich um ein Stück erhaltenswerte Architekturgeschichte. Innerhalb weniger Tage entstand das zunächst etwas verrückt klingende Vorhaben, das Haus durch eine Umsetzung zu erhalten, da die bestehende temporäre Baugenehmigung den Fortbestand am jetzigen Standort nicht zulässt. Die Zustimmung aller Beteiligten und Verantwortlichen ermöglicht mir jetzt die Umsiedelung des Hauses in Angriff zu nehmen und so dem Haus der Gegenwart eine Zukunft zu geben.“
Eine positive Nachricht für alle Freunde des Hauses der Gegenwart: Auch in Zukunft soll dieses in einem noch zu definierenden Umfang öffentlich zugänglich sein. Bis zur Jahresmitte 2012 werden die Umzugsarbeiten abgeschlossen sein. Die Architekten des Hauses, das Münchner Büro Allmann Sattler Wappner Architekten, haben der Translokation des Hauses zugestimmt und freuen sich über dessen Erhalt: „Der geplante Umzug und die neue Nutzung des Hauses passen gut zu seiner Geschichte. Gerade weil das Haus die realisierte Idee eines bestimmten Wohnkonzeptes ist, freuen wir uns, dass es in seiner Form erhalten und zugänglich bleiben wird“, so Amandus Sattler.
Auch Bernhard Taubenberger, Geschäftsführer der gemeinnützigen Haus der Gegenwart GmbH, freut sich über die „Rettung in letzter Sekunde“. Sein besonderer Dank gelte Martin Hippius: „Ich bin mir sicher, dass er das Haus mit neuen Ideen und in neuer Umgebung erfolgreich weiterführen wird.“ Möglich gemacht hätte den Erhalt des Baukörpers neben Martin Hippius und Allmann Sattler Wappner Architekten insbesondere auch die Landeshauptstadt München. Gerade das Baureferat und das Planungsreferat, die das Projekt von Beginn an wohlwollend begleitet hätten, hätten in den vergangenen Wochen durch schnelle und positive Entscheidungen dem Haus der Gegenwart eine neue Zukunft ermöglicht, so Taubenberger.
Von der innovativen Idee zum lebendigen Ort des Austausches
Von 2005 bis Anfang 2011 wurde das Haus der Gegenwart als Veranstaltungsort für Ausstellungen, Workshops und Podiumsdiskussionen rund um die Themen Architektur, Design und Wohnen genutzt. Die Geschichte des Hauses begann 2001 mit einer Idee des Süddeutsche Zeitung-Magazins (SZ-Magazin): Im Rahmen eines internationalen Architekturwettbewerbs wurde das ideale Wohnhaus der Zukunft gesucht, das überzeugende Antworten auf schwierige Fragen des Wohnens und Bauens gibt. Mit dem Haus der Gegenwart sollte ein Wohnhaus am Stadtrand einer mitteleuropäischen Großstadt für vier Personen, mit einer Nutzfläche von etwa 200 Quadratmetern, einer Grundstücksgröße von 500 Quadratmetern und zu Baukosten von rund 250.000 Euro geschaffen werden. Unter 34 Wettbewerbsteilnehmern wurden drei Architekten als Sieger prämiert: André Poitiers aus Hamburg, Allmann Sattler Wappner Architekten aus München sowie Ortner & Ortner aus Wien.
Für die bauliche Umsetzung des ausgewählten Siegermodells von Allmann Sattler Wappner Architekten taten sich als Partner das SZ-Magazin, die Fördergesellschaft Landespflege Bayern und die Bayerische Hausbau zusammen. Im Jahr 2005 wurde das Haus der Gegenwart in der Georg-Kerschensteiner-Straße 55 in München-Riem fertig gestellt und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das architektonische Konzept rückt das Zusammenleben in enger Symbiose mit der Natur in den Vordergrund. Architektonisch mit minimalen Mitteln umgesetzt, sind die Übergänge zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit sowie Haus und Garten fließend. Die gewohnte Struktur des Einfamilienhauses wird hier auf den Kopf gestellt. In dem Objekt, in dem die Materialien Glas, Beton und Holz dominieren, liegen die privaten Bereiche im Erdgeschoss. Sie verfügen über separate Eingänge, Bäder und Gärten. Der aufgeständerte zentrale Wohnraum wird von den Einzelräumen strukturell und bildlich getragen und verbindet sie räumlich.
Im Rahmen der Bundesgartenschau 2005 wurde das Haus der Gegenwart eröffnet und seitdem für zahlreiche Veranstaltungen genutzt. Bis zum Sommer 2011 fanden insgesamt über 150 öffentliche Veranstaltungen statt, mehr als 150.000 Personen besuchten das Haus. Den Anfang machte Bill Gates, der am 31. Januar 2005 die E-Home-Technik in Betrieb nahm. Als weitere bedeutende Veranstaltung in der Vergangenheit ist die Ausstellung „Weltmeister – Design Deutschland im Haus der Gegenwart“ zu erwähnen: Von Juni bis September 2006 zeigte das Haus der Gegenwart ein breites Spektrum von rund 150 international bekannten Designgegenständen. Umrahmt wurde die Ausstellung von Vorträgen, Themenabenden und Diskussionen. Eines der letzten Projekte im Haus der Gegenwart war das „Futurelab für Architektur“, ein Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit der UCLA (University of California, Los Angeles). Für zwei Semester zwischen Oktober 2009 und Dezember 2010 waren acht Architekturstudenten der University of California zu Gast im Haus der Gegenwart und haben zusammen mit Professor Peter Ebner, international bekannter Architekt und Professor für Wohnungsbau und Wohnungswirtschaft an der TU München, Modelle für das Wohnen der Zukunft entwickelt.
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Bernhard Taubenberger
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